Die Dergenthiner Kirche

Die Ursprünge

Ev. Kirche Dergenthin
Foto: © Lukas Verlag

Dergenthin wird erstmals 1300 erwähnt. Für 1320 bis 1340 ist nach Auskunft eines Berliner Kustos (1911) eine Ersterbauung vermerkt. Die Dergenthiner Kirche wurde dann im 15. Jahrhundert durch die derzeitige Steinkirche ersetzt.
Für den Bau wurden überwiegend gespaltene Feldsteine und in geringer Menge Backsteine verwendet. Die meisten Feldsteine für das Mauerwerk der Dergenthiner Kirche wurden nicht mehr steinmetzmäßig bearbeitet. Trotzdem verlangte das Abspalten glatter Flächen, das Vermauern der tonnenschweren Steine in mehreren Metern Höhe, die Herstellung eines extrem haltbaren Mörtels fachlich gut ausgebildete Bauleute.
Mit den Feldsteinen konnte man aber nur einen dem romanischen Empfinden (Romanik 950-1250) entsprechenden kompakten, erdenschweren Bau errichten, sie waren völlig ungeeignet für die schlanken Pfeiler und die durch hohe Fenster durchbrochenen Wände einer gotischen Kirche (Gotik 1150-1450). Man versuchte dem reinen Feldsteinbau aus Quadern, der immer etwas monoton wirkt, etwas Abwechslungsreicheres entgegen zu setzen. Allerdings ist nur noch der Ostgiebel in seiner halbwegs ursprünglichen Form erhalten. Bei vielen Kirchen der Prignitz, die älter als die Dergenthiner Kirche sind, hatte man aus den runden Feldsteinen durch "Bepicken" Quader hergestellt, die an der Außenfront und weiteren vier Seiten glatte Flächen aufwiesen. Solche sauber behauenen Steine finden sich an dieser Kirche vereinzelt an den Ecken des Ostgiebels. Hier wurden gespaltenen Feldsteine verwendet, die zumindest im unteren Teil des Ostgiebels in waagerechten Reihen mit viel Mörtel vermauert wurden. Es wurden auch kleine Steine vermauert und Ziegelsplitter in den Mörtel gedrückt. Dass diese kleinen Steinchen bis heute nicht ausgewaschen sind, zeugt von der Qualität des damaligen Mörtels. Aufgrund dieses Mauerwerks lässt sich der Bau ins 15. Jahrhundert datieren
Ostgiebel Kirche DergenthinIn vielen Kirchen erhielt die anfänglich sehr schlichte Ostwand eine Betonung durch eine "Dreifenstergruppe". Dies war auch in Dergenthin der Fall. Allerdings wurde, wie unschwer zu erkennen, der Ostgiebel mehrfach umgebaut. Er verfügt nun über zwei Stichbogenfenster mit Stichbogenblenden und löst sich nach oben in sieben Backsteinpfeiler auf.
Ursprünglich wurde die Kirche als rechteckiger, einschiffiger Saalbau mit flacher Balkendecke ohne Turm, ohne Stützpfeiler und wahrscheinlich auch mit weniger oder kleineren Fenstem erbaut. Da die Kirche in einem in Ost-West-Richtung angelegtem Straßendorf steht, wurde sie, wie vielfach üblich, südlich der Dorfstraße erstellt. Somit war das Portal an der Nordseite der kürzeste Weg für die Gemeinde in die Kirche. Ob ein Eingang an der Westseite bestand, ist unbekannt, aber wahrscheinlich. In einer Literaturquelle findet man noch den Hinweis auf Spuren von drei Backsteinfenstern und auf eine vermauerte Spitzbogentür aus Backstein auf der Südseite (eventuell eine Priestertür?). Davon ist heute aber nichts mehr zu sehen.

Von der Reformation bis 1750

Wie schon angedeutet, wurde die Dergenthiner Kirche mehrfach umgebaut. Wann, das ist heute nur noch schwer zu rekonstruieren. Aus der geschichtlichen Entwicklung lässt sich jedoch einiges erklären: 1539 wurde durch Kurfürst Joachim II die Prignitz reformiert. In den folgenden Jahren wurden die Kirchenvisitationsberichte angefertigt. Darin wird Dergenthin seit 1542 als Filial-(=Tochter-)kirche von Sükow geführt und hatte 100 Kommunikanten (=Teilnehmer an der Abendmahlsfeier). Da die Kommunikanten etwa 80 - 90% der Bevölkerung ausmachten, kann man von einer Einwohnerzahl von etwa 120 Personen ausgehen. Dergenthin hatte damals seinen eigenen Küster.
Nach der Reformation hatte in der Regel der örtliche Patron die Verpflichtung, die Gotteshäuser zu unterhalten, beanspruchte dafür aber bestimmte Privilegien. In Dergenthin waren das die Familien von Vielrogge — Dergenthin (1440- 1666), von Wartenberg — Nebelin und Dergenthin (1423-1791), von Platen — Kuhwinkel (1655-1865) und von Wilamowitz-Möllendorff — Gadow und Kuhwinkel (ab 1865).
Die erste Patronatsloge wurde im 16. Jahrhundert eingebaut. Gegen Osten befand sich ein Fachwerkgerüst mitAufgang zur Patronatsempore hölzerner, zur Patronatsempore führender, Freitreppe. Diese verglaste Patronatsempore (auch Kuhwinkler Chor genannt) befand sich im Innern der Kirche.
Die Emporendecke war im 18. Jahrhundert in „flotter Spätrenaissance“ bemalt: Ranken mit schwarzen Urmissen, abwechselnd weiß und blassblau auf weißem Grund, dazwischen einige große, rote Blumen, in der Mitte das Wappen des Hartwig Heinrich von Platen (1699 - 1745) mit Helmdecke in weiß und rot.
Von 1729 ist auch das erste Kirchenbuch von Dergenthin erhalten. Die Neuausstattung vieler Dorfkirchen mit einer Barockeinrichttmg im 18. und 19. Jahrhundert wäre ohne das funktionierende Patronatswesen nicht möglich gewesen.
An der Nordseite gegen Westen wurde ein Anbau zur Westempore mit bemalter Tür errichtet. Im Innern dieser Empore waren spätgotische Formen zu finden, so dass die Empore wahrscheinlich schon länger bestand. Die Empore wird aus Platzgründen für Orgel und Kirchenchor nötig geworden sein. Sie zierte das Wappen der Familie von Wartenberg.
Die kleinen, mittelalterlichen Fenster wurden vermutlich durch größere ersetzt, da die Gemeinde beim Gottesdienst für den jetzt  aufkommenden Gemeindegesang mehr Licht zum Lesen benötigte.
1749 wurde der ursprüngliche Fachwerkturm am Westende der Kirche angebaut. Er hatte ein geschweiftes Dach und eine offene Laterne. Der Turm erhielt eine Wetterfahne mit eben dieser Jahreszahl.
Aus dieser Zeit (Barock l7. und beginnendes 18. Jahrhundert) stammte auch die bis 1915 genutzte Innenausstattung der Kirche. Der Kanzelaltar war barock mit zwei seitlichen Säulen und Omamenten. Die Kanzel war mit Engelsköpfen und Wappen (von Platen) verziert. Neben der Kanzel befand sich das Wappen der Familie von Vielrogge.
Die aus Eichenholz gefertigten Bankwangen waren ausgeschweift und mit eingegründeten Darstellungen von Tieren, römischer Großschrift und den Wappen der Adelsfamilien verziert. Der Boden war wahrscheinlich, wie heute auch noch, mit flach liegenden Ziegeln ausgelegt. Zur Kirchenausstattung gehörten auch zwei Altarleuchter und ein Räuchergefäß. Die Leuchter waren aus Messing und überbronziert, sie trugen je zwei kleinere und eine größere Kerze. Sie waren dreifüßig und mit einer Hundegestalt verziert - dem Sinnbild für die Treue. Das Ciborium (Dose zur Aufbewahrung der Hostien) und die Patene (flache Schale zur Darreichung der Hostien) waren 1763 von Frau von Wartenberg (geb. Moellendorf) gestiftet worden. Vor dem Altar breitete sich ein blauer Smyrnateppich aus. Er und ein sechsarmiger Kronleuchter aus Messing waren ein Geschenk der Gräfin Wilamowitz — Moellendorf.

Das 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert sind die Prignitzer Kirchen oft sehr stark umgebaut worden: Die schmalen, spitzbogigen Fenster wurden zugemauert, durch große neugotische Fenster ersetzt. Portale wurden versetzt. Wahrscheinlich geschah ähnliches auch an der Dergenthiner Kirche in dieser Zeit: Fenster wurden geändert, 1,1m dicke Strebepfeiler wurden angebaut, ein Portal an der Südseite wurde zugemauert. Die Strebepfeiler am Ostgiebel und die beiden östlichen Pfeiler an der Südseite stammen noch aus dieser Zeit. Es ist deutlich zu erkennen, dass sie nachträglich an die Kirche angemauert wurden. Bei diesen Umbauarbeiten wurde nicht die Mörtelqualität verwendet wie am Ostgiebel. An allen diesen jüngeren Bauteilen beginnt sich der Mörtel zu lösen.
Auf dem Altar befanden sich zwei säulenartige Leuchter aus dem Jahr 1850 und ein Kruzifix. Im Jahre 1886 wurden zwei neue Glocken aus der Gießerei in Apolda eingesetzt. 1888 erhielt die Kirche eine einmanualige, achtstimmige, vom Orgelbauer Gesell (Potsdam) gefertigte, Orgel. Am 11. Dezember 1915 wurde diese vorhandene Orgel instand gesetzt. Aus Erzählungen ist bekannt, dass man dabei eine brennende Kerze vergaß, so dass die Kirche niederbrannte.
Man begab sich bereits 1916 an die Sanierung der Kirche. Am 9.11.1916 erfolgt die neue Grundsteinlegung. Daran erinnert die Inschrift in der Turmhalle. Besonders verdient gemacht hat sich dabei Friedrich Anton Paul Rückert (1871 - 1957), der als Lehrer, Kantor und Organist seit 1894 aus Berlin kommend in Dergenthin tätig war. Während des Wiederaufbaus fanden die Gottesdienste im Schulgebäude (heute Gemeindehaus) statt. Bei der Sanierung musste die gesamte Westseite, große Teile der Nordseite und auch Teile der Südseite erneuert werden. Am Mauerwerk ist deutlich der andere Mauerstil im Vergleich zum Ostgiebel zu erkennen. Die neuen Strebepfeilem wurden zum Teil nicht an-, sondern eingemauert. Die Kirche erhielt ein Holztonnengewölbe, dass von dem Berliner Kirchenmaler Erich Kistenmacher ornamental bemalt wurde. Das Innere (Kanzelaltar, Taufe, Orgelempore) erhielt den Charakter des Neobarock.
Kirche in DergenthinEs wurde 1919/1920 der heutige Turm errichtet mit geschweiftem Dach und offener, achteckiger Laterne. Es handelt sich nun um einen eingezogenen und nicht mehr angebauten Kirchturm. Das Dach des Turmes wurde mit Dachziegeln eingedeckt und komplett verputzt. Er beherbergt zwei Glocken, die 1919 und 1920 gegossen wurden. Die Glocken sind im Winter um 17.00 Uhr (im Sommer 18.00 Uhr) zu hören.
Der damalige Patron, der Graf von Wilamowitz-Moellendorf zu Gadow, übenahm 2/3 der anfallenden Kosten. Dafür erhielt seine Familie eine neue Patronatsempore, die an die Nordseite der Kirche angemauert wurde. Hierbei wurde mit wesentlich kleinern Steinen gearbeitet als beim Rest der Kirche. Im Innern der Kirche erhielt die Patronatsempore die Wappen der in Dergenthin ehemals ansässigen Adelsgeschlechter [Links: Hartwich Heinrich von Platen (1699 -1745); Mitte: von Wilamowitz-Moellendorf; Rechts: von Wartenberg].
Neben der Patronatsempore wurde auch am Westende eine Orgelempore errichtet. Der Raum unterhalb dieser Empore wurde durch eine Trennwand aus Glas und Holz zur "Winterkirche" umgebaut, in der sich die Gemeinde in der kalten Jahreszeit versammelt.
Auch das Fensterglas wurde erneuert. Die beiden Fenster am Ostgiebel wurden in Erinnerung an den gerade beendeten Ersten Weltkrieg gestaltet. Das linke der beiden Fenster wurde von der Witwe Herper gestiftet. Ihr Mann Max Herper, seit 1898 Besitzer von Platenhof, dem ehemaligen Rittersitz der Familie von Platen, war im ersten Weltkrieg gefallen und hatte zuvor den Wunsch geäußert, dass falls er nicht zurückkehrt, das Geld für dieses Fenster gespendet wird.
Der Innenausbau wurde bis Dezember 1920 fertig gestellt. Am 18. November 1920 konnte die Einweihung der neu errichteten Kirche mit neuer Orgel gefeiert werden. Die Orgel wurde von der Potsdamer Orgelbaufirma Alexander Schuke als Opus 98 gebaut. Sie hat 12 Register auf zwei Manualen und Pedal. Leider ist die Orgel zurzeit nicht bespielbar, da durch Vandalismus die Pfeifen beschädigt wurden. Für eine Reparatur fehlen der Kirchengemeinde die finanziellen Mittel (darum sind Spenden herzlich willkommen).
Die Turmhalle dient als Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege.
Der Turm wurde 1990/1991 aufwändig saniert. Dabei stellte man fest, dass eine Ausbesserung nicht mehr ausreichend war, da das gesamte Gebälk sanierungsbedürftig war. So nahm die Firma Gaube in mühevoller Kleinarbeit die Holzkonstruktion ab und fertigte nach diesen Schablonen originalgetreu das neue Gebälk an. Nur drei alte Balken konnten wieder verwendet werden. Die Berliner Dombauhütte führte die Kupferarbeiten am Turmdach aus, fertigte neue Zifferblätter für die Uhr und vergoldete auch die Kupferkugel. Als man die alte Kugel herunternahm, fand man nur einen unleserlichen Zettel, auf dem lediglich das Wort "Dachdeckerlehrling" zu entziffem war. Für die nächsten, die diese Kugel öffnen, wollte man nun aber Zeitzeugen hinterlassen. So verstaute man in der Kugel einen ausführlichen Bericht über die langjährigen Bauplanungen und Bauarbeiten, die Kirchenzeitung, die aktuelle Ausgabe des "Prignitzers", Geld aus der DDR und auch D-Mark.
Die Wetterfahne wurde auch erneuert, sie trägt heute die Jahreszahl 1991.
Die Taufe, die im Jahr 1919 angeschafft worden war, wurde 1999 gestohlen. Mit Hilfe einer Fotografie wurde sie von Tischlermeister Norbert Ziems aus Kyritz nachgebaut. Für die farbliche Gestaltung sorgte der Kunstmaler Burkhard Boldt.
Im Jahr 2000 sind die Fenster durch Steinwurf beschädigt worden.
Die Größe der Prignitzer Dortkirchen orientierte sich stets an der Gemeindegröße. Die Dergenthiner Kirche misst heute in der Länge ohne den Turm 18,6 m, mit Turm 23,6 m. Das Kirchenschiff ist 9,9 m breit. Die Mauern des Schiffs haben eine Dicke von 82 cm, die von Turm und Patronatsempore rund 53 cm.
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Literaturverzeichnis
KF00: Friehs, Katja, Dergenthiner Dorfkirche, 2009

Der Text wurde auszugsweise der Broschüre "Dergenthiner Dorfkirche" entnommen. Die gesamte Chronik ist eine umfangreiche Beschreibung der Kirche und der Menschen in Dergenthin. Sie wurde verfasst von Katja Friehs und ist erhältlich unter:

Katja Friehs
Tel: 038793-40232