Veranstaltungen und Leitartikel zum Pogromgedenken
von Ev. Kirchenkreis Prignitz
Ein Leitartikel zum 9. November?
Dann fange ich mit einem Witz an. Er wurde schon vor 100 Jahren erzählt. „Ein Antisemit behauptet, die Juden seien am Kriege schuld; die Antwort lautet: Ja, die Juden und die Radfahrer; warum die Radfahrer? fragt der eine. Warum die Juden? antwortet der andere.“
Der Witz spielt mit dem Vorurteil der jüdischen Weltverschwörung, denn dass die Radfahrer schuld am Kriege sind, wer will das behaupten? Als eifriger Rennradfahrer weise ich das strickt zurück. Nein, Radfahrer sind weder am Krieg noch an irgendwelchen weiteren weltübergreifenden Ereignissen schuld! Aber die Juden? Die Vielleicht!
Genau dieses Denken will der Witz, der leider keiner ist, offenlegen.
Seit wenigstens 100 Jahren gibt es etliches bemühen den Irrsinn des Antisemitismus aus dem Denken und Reden zu vertreiben. Viele Tagungen, Workshops, Begegnungen, Gedenkstättenbesuche und Erinnerungskulturveranstaltungen später müssen wir nüchtern feststellen: es hat nicht geholfen.
Wir haben den Antisemitismus, das dumme Denken, nicht beseitig. Er ist da. Er ist mitten unter uns. Nach jedem neuen Attentat, nach jedem neuen antisemitischen Ausfall hören wir:
„Wer Juden angreift, greift uns an“!
Nein, das stimmt nicht! Ich wurde noch nie angegriffen. Ich gehe immer unbehelligt in die Kirche, kann mit einem Collarhemd ungefährdet durch Berlin laufen (wenn ich wollte). Das ist eine Phrase. Genauso wie:
„Nie wieder ist jetzt!“ Echt jetzt? Aus dem „Nie wieder“ ist doch schon längst ein „wieder“ geworden. Wieder haben Juden Angst. Wieder verlassen Juden und Jüdinnen nicht ihre Wohnungen, trauen sich in der Öffentlichkeit nicht hebräisch zu sprechen. Wieder verstecken sie ihre Ketten mit dem Davidstern. Wieder tragen sie keine Kippa. Wieder werden Davidsterne an Häuser gemalt.
Wieder sind die Juden schuld und nicht die Radfahrer.
Und noch ein dritter Phrasenklassiker in der Arena der guten Worte: „Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz“. Verlassen wir diese Arena, dann merken wir, dass der Antisemitismus in Deutschland sehr wohl einen Platz hat und zwar auf vielen Straßen und Plätzen, an den Universitäten, in den sozialen Netzwerken, auf öffentlichen Veranstaltungen, im Privaten, in der Politik, links wie rechts, und in der Kirche. Er hat so viel Platz, dass ich es kaum ertrage.
Der richtige Satz sollte grammatikalisch ein anderer sein. Eher ein Wunsch, ein Optativ: Der Antisemitismus sollte in Deutschland keinen Platz haben.
Er sollte keinen Platz haben und Bildung sollte helfen. Auch ein Wunsch. Bisher hat sie nicht geholfen.
Die Demonstranten auf Berliner Straßen, in den Universitäten und Kultureinrichtungen sind häufig gebildet, sie kennen sich aus mit Trends, zum Beispiel mit Melonen als Zeichen für Solidarität mit Palästina. Aber über den Antisemitismus wissen sie offenbar nichts. Das macht sie so unbeirrbar. Sie haben keine Ahnung, daraus beziehen sie ihre Überzeugung. Ihre Unwissenheit ist das Ergebnis ihrer Ignoranz. Das darf man ihnen nicht nachsehen.
Dass Bildung nicht hilft, will ich nicht glauben. So wie ich auch nicht glauben will, dass das Recht des Stärkeren sich durchsetzt. Gleichwohl alles in der Welt dagegenspricht und sich der Stärkere aller Orten durchsetzt. Ich glaube nicht daran.
Wegen des Glaubens gibt es in Havelberg, der kleinen Stadt an der Havelmündung zur Elbe, den großen Dom und seit fünf Jahren die Havelberger Dialoge.
Dialoge, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Fragen immer wichtiger als Antworten sind.
Alljährlich im Herbst gibt es die Dialoge zum jüdischen Leben. Jüdische Autoren, Journalisten und Aktivisten aus ganz Deutschland machen sich auf in die Provinz, dorthin wo es keine zufällige Begegnung mit Jüdinnen und Juden gibt. Und dann reden wir. Wir reden und streiten miteinander und nicht übereinander. Weil ich glaube, dass Gespräche und Begegnungen die Unwissenheit und Intoleranz verringern können.
Das hat Gottfried Benn, der in einem Prignitzer Pfarrhaus aufgewachsen ist, auch schon gewusst: „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot.“
Anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome laden folgende Kirchengemeinden am 9. November 2026 zum Gedenken ein:
Donnerstag, 9. November 2026 | 16.00 Uhr
Treffpunkt Schillerstraße 7, 19322 Wittenberge
Gedenken an die Pogromnacht mit Erinnerung an die Familie Kaiser
Donnerstag, 9. November 2026 | 17.00 Uhr
Treffpunkt Großer Markt, 19348 Perleberg
Gedenken an die Pogromnacht. Eine Veranstaltung der Stadt Perleberg in Zusammenarbeit mit dem Gottfried-Arnold-Gymnasium
Donnerstag, 9. November 2026 | 18.00 Uhr
Treffpunkt Markt Havelberg (ehemalige Synagoge)
Gedenkweg zur Erinnerung an die Pogromnacht
Donnerstag, 9. November 2026 | 17.00 Uhr
Treffpunkt Marienkirche, Wittstock
Pogromgedenken des Bündnisses Wittstock bekennt Farbe in Zusammenarbeit mit der Stadt Wittstock und der Kirchengemeinde. Gedenkweg zum jüdischen Friedhof und zu den Stolpersteinen auf dem Marktplatz.
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