Evangelische Friedhofskultur neu gedacht

von Ev. Kirchenkreis Prignitz

Die riesigen alten Friedhofsflächen im ländlichen Brandenburg sind Herausforderung und Chance zugleich für eine Gesellschaft im Wandel. Pfarrer Olaf Glomke begleitet die Friedhöfe in Havelland und Prignitz als Beauftragter für Friedhofskultur durch eine Zeit des Wandels.

Olaf Glomke führte im Juli ein Gespräch mit Matthias Nöther vom Ev. Kirchenkreis Havelland:

Die letzte Ruhe ist in Bewegung geraten
Im Garten der Superintendentur in Nauen bleibt an diesem Julinachmittag wenig an seinem angestammten Platz. Das liegt allerdings nicht an Olaf Glomke, sondern am kräftigen Wind. Unsere beiden weißen Gartenstühle müssen wir festhalten, bevor das Gespräch beginnen kann. Glomke selbst lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Seine neue Aufgabe hat ebenfalls mit einer Welt zu tun, die in Bewegung geraten ist. Wer mit dem Beauftragten für Friedhofskultur der Evangelischen Kirchenkreise Havelland und Prignitz über Friedhöfe spricht, spricht schon nach wenigen Minuten über den Wandel unserer Gesellschaft.

Seit Ende vergangenen Jahres ist Glomke Beauftragter für Friedhofskultur der Evangelischen Kirchenkreise Havelland und Prignitz. Die neu geschaffene Stelle soll Kirchengemeinden dabei unterstützen, ihre Friedhöfe zukunftsfähig zu gestalten. Glomke berät Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindekirchenräte sowie haupt- und ehrenamtliche Friedhofsmitarbeitende – bei rechtlichen Fragen ebenso wie bei organisatorischen, gestalterischen oder ethischen Themen. Vor allem aber ist er unterwegs.

Sein erstes Jahr, sagt er, sei zunächst eine Bestandsaufnahme: „Was ist da? Was ist vor Ort?“ Die Antworten darauf findet er nicht am Schreibtisch, sondern auf den Friedhöfen der beiden Kirchenkreise. Und dort begegnet ihm überall Veränderung.

Den Wandel lesen
„Sie sind nicht mehr so im sozialen Lebensmittelpunkt“, sagt Glomke über die Friedhöfe. Früher seien sie auf vielen Dörfern selbstverständliche Treffpunkte gewesen. Man pflegte Gräber, begegnete Nachbarn und kam ins Gespräch. Gerade dort, wo Bäcker, Konsum oder Gaststätte längst verschwunden sind, hatte der Friedhof auch eine soziale Funktion. Heute leben Familien oft weit voneinander entfernt, Angehörige ziehen um oder können die Grabpflege nicht mehr leisten. Auch die Bestattungskultur hat sich verändert. „Es gibt kaum noch Erdbestattungen“, beobachtet Glomke. „80, 85, fast 90 Prozent“ seien inzwischen Urnenbeisetzungen. Entsprechend groß werden vielerorts die freien Flächen auf den Friedhöfen. Diese Entwicklung erlebt er sowohl in der Prignitz als auch im Havelland – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Zwei Landschaften, zwei Entwicklungen
In der Prignitz begegnet Glomke vielerorts kleinen Dörfern, sinkenden Bevölkerungszahlen und Friedhöfen mit immer größeren Freiflächen. Hier stellen sich Fragen nach der Zukunft kirchlicher Friedhöfe oft schon heute mit besonderer Deutlichkeit. Im Havelland prägt dagegen der Berliner Speckgürtel viele Regionen. Auf seinen Fahrten kommt Glomke immer wieder an Neubaugebieten, dem Havelpark oder dem Designer Outlet vorbei. Hier rechnet er langfristig mit einer anderen Entwicklung. Die Menschen, die heute neu zuziehen, würden älter werden – und irgendwann auch die Friedhöfe prägen. „Die kommen, garantiert“, sagt er. Für Glomke erzählen beide Regionen dieselbe Geschichte auf unterschiedliche Weise: Friedhofskultur verändert sich mit der Gesellschaft.

Seine Arbeit bewegt sich deshalb ständig zwischen ganz praktischen und grundsätzlichen Fragen. Kurz nach seinem Dienstantritt musste er sich mit einem eskalierenden Familienstreit bei einer Beisetzung befassen und klären, welche rechtlichen Möglichkeiten den Verantwortlichen überhaupt zur Verfügung stehen. Andere Gemeinden interessieren sich für neue Bestattungsformen oder fragen nach den Voraussetzungen für Urnenbestattungen unter Bäumen. Wieder anderswo wird darüber nachgedacht, Friedhöfe zu verkleinern oder frei gewordene Flächen anders zu gestalten.

Dabei sucht Glomke keine Patentrezepte. Er hört zu, sammelt Erfahrungen und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Auch neue Entwicklungen wie die Reerdigung oder andere Bestattungsformen betrachtet er mit Interesse, ohne sie vorschnell zu bewerten. Ihn interessiert vor allem die Frage, was diese Veränderungen über den Umgang der Menschen mit Tod, Erinnerung und Trauer erzählen.

Mehr als ein Ort der letzten Ruhe
Dass Friedhöfe dabei mehr sind als Orte der Bestattung, ist ihm ein wichtiges Anliegen. „Friedhöfe sind Orte der Besinnung, Orte der Trauer“, sagt er. Grabsteine erzählten Lebensgeschichten. „Niemand geht so rasch verloren.“

Mindestens ebenso wichtig ist ihm jedoch ein anderer Gedanke. Friedhöfe sollen öffentliche Orte bleiben – Orte, an denen Menschen sich begegnen können. Dass sie diese Funktion vielerorts verloren haben, bedauert Glomke. Umso wichtiger ist ihm die Frage, wie sie sie wiedergewinnen können. Er erzählt von Ideen wie Blühwiesen auf ungenutzten Flächen oder zeitweise angesiedelten Bienenstöcken, aber auch von neuen Bestattungsformen und einer behutsamen Weiterentwicklung der Friedhöfe. Nicht alles werde überall passen. Entscheidend sei, dass Friedhöfe lebendige Orte bleiben.

Damit Begegnung bleibt
Zu seiner Aufgabe gehört deshalb auch, diejenigen miteinander zu vernetzen, die oft allein Verantwortung tragen. Bei den ersten Treffen von Friedhofsmitarbeitenden und Ehrenamtlichen zeigte sich schnell, wie groß der Bedarf am gegenseitigen Austausch ist – über technische Fragen ebenso wie über rechtliche oder ethische Herausforderungen. Wer sich um einen Friedhof kümmert, soll wissen, dass andere vor ähnlichen Fragen stehen und Erfahrungen teilen können.

Olaf Glomke versteht seine Arbeit deshalb nicht als Verwaltung einer vergangenen Kultur. Er begleitet einen Wandel, der längst begonnen hat. Friedhöfe sind für ihn keine Relikte einer früheren Zeit. Sie bleiben Orte der Erinnerung und der Trauer. Vor allem aber können sie auch künftig Orte der Begegnung sein – wenn sie sich mit den Menschen verändern, die sie nutzen.

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