Moment Mal

von Pfarrer Helmut Kautz

„Wie kannst Du nur an einen Gott der Liebe glauben? Bei dem ganzen Leid um uns herum!“ fragte mich der junge Atheist. Betroffen schwieg ich. Mir wurde so deutlich, was ich für einen elenden Gott vertrete!

Da fiel mir eine Geschichte ein, die mir geholfen hat: Am Ende der Zeiten versammeln sich Millionen Menschen vor dem Thron Gottes. Sie haben nur ein Thema: Wie kann Gott das Leid zulassen, das die Menschen jetzt im Lebensrückblick so aufgehäuft  und erdrückend sehen. "Hat  er denn jemals leiden müssen?" faucht eine alte Frau mit schneidender Stimme und zeigt auf die eintätowierte Nummer eines KZs. Ein farbiger Mann öffnet aufgeregt seinen Hemdkragen: "Schaut euch das an" und zeigt seine Wunden am Hals. "Gelyncht haben sie mich“. Ein junges Mädchen starrt teilnahmslos vor sich hin. Auf ihrer Stirn ist das Wort zu lesen: "Unehelich." Überall kommt jetzt ärgerliche Stimmung auf. Jeder richtet seine Klage gegen Gott, weil er Böses, das Leid, das Unrecht in der Welt zugelassen hat. Das will ein Gott der Liebe sein...

"Wie gut hast du es doch, Gott, in deinem Himmel“ sagen sie alle. „Bei dir gibt es keine Tränen, keine Angst, keine Arbeitslosigkeit, keinen Hunger, keinen Hass. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was es heißt, Leid zu ertragen, nicht gebraucht zu werden und Tränen zu weinen?"

Und plötzlich hat jemand eine Idee: "Wir wollen Gott den Prozess machen." Jede der Gruppen wählt sich einen Sprecher. Da ist ein Jude, ein Schwarzer, eine uneheliche Tochter, ein entstellter Leprakranker, ein Bombenopfer... Sie alle diskutieren aufgeregt miteinander. Und dann sind sich alle einig: Gott soll dazu verurteilt werden, auf dieser Erde zu leben. Als Mensch. Er soll als Jude geboren werden.

Niemand soll wissen, wer eigentlich sein Vater ist. Er soll mit dem Anspruch auf die Erde kommen, selber Gott zu sein. Von seinen engsten Freunden soll er schließlich verraten werden. Mit falschen Anschuldigungen soll ihm der Prozess gemacht werden. Er soll erfahren was es heißt, von allen Menschen verlassen und total einsam und hilflos zu sein. Er soll brutal gequält werden und dann grausam  sterben. Und das in aller Öffentlichkeit. Eine Menge Zeugen sollen dabei sein: lachend, spottend, höhnend.

Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Es wird ganz still. Ein großes Schweigen macht sich breit. Ein betretenes Schweigen. Alle, die Gott so grausam verurteilt haben senken die Köpfe. Plötzlich weiß jeder dieser Leute, um was es hier geht. Jedem ist klar: Gott hat die Strafe schon auf sich genommen. Das Urteil ist längst getragen – aus Liebe!

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